Bewusstlos klagend

Selbst wenn man nur einen Milliliter Methanol trinkt, kann das zu einer Vergiftung führen. Viele der Opfer sind nicht bei Bewusstsein, klagen über Schwindel, verminderte Sehkraft und drohen zu erblinden.

richtig z.B.: Die Opfer klagen über Schwindel und verminderte Sehkraft, viele verlieren das Bewusstsein. Die Vergiftung führt oft zur Erblindung oder verläuft tödlich.

Möglichst viel mit möglichst wenigen Wörtern zu sagen hat seinen Preis. Den zahlen die Leser und Leserinnen, wenn sie sich die Information aus einem Haufen lose zusammengeworfener Aussagen selbst zusammensuchen müssen. “Viele der Opfer” bezeichnet immer dieselbe Gruppe. Da die Symptome durch Beistriche getrennt sind, haben wir es mit einer Aufzählung zu tun, die signalisiert, dass die Opfer an allen aufgezählten Symptomen leiden. Nur ist offensichtlich, dass  dies nicht gleichzeitig passieren kann. Niemand klagt über Schwindel und ist gleichzeitig bewusstlos. Es wird noch komplizierter, denn es sind zwei Aufzählungen ineinander verschachtelt, die der offensichtlichen Symptome — Bewusstlosigkeit, Erblindung — und die der von den Patienten beklagten Symptome — Schwindel, verminderte Sehkraft. Und diese Verschachtelung bewirkt, dass am Ende über “drohen zu erblinden” geklagt wird. Man muss entweder die Reihenfolge ändern:

Viele der Opfer klagen über Schwindel und verminderte Sehkraft, verlieren das Bewusstsein und drohen zu erblinden.

oder deutlich machen, dass die Vergiftung bei den Betroffenen unterschiedliche Wirkungen haben kann:

Viele der Opfer verlieren das Bewusstsein, andere klagen über Schwindel und verminderte Sehkraft, manche drohen zu erblinden.

Diese Entscheidung kann allein anhand der verfügbaren Informationen nicht getroffen werden. Erst mit Hilfe ausführlicherer Quellen* kommt etwas Ordnung in das Chaos: einerseits ist die Wirkung davon abhängig, ob das Methanol pur oder in einer Mischung mit Ethylalkohol eingenommen wird — nur im ersteren Fall bewirken schon geringe Mengen schwere Vergiftungssymptome. Andererseits gibt es eine Abfolge der Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit, Sehstörungen, Bewusstlosigkeit, irreversible Organ- und Nervenschädigungen, in schweren Fällen der Tod, wenn die Vergiftung nicht behandelt wird. Als Gegenmittel wird ausgerechnet Ethylalkohol eingesetzt, da nicht das Methanol selbst, sondern seine Abbauprodukte zerstörerisch wirken und der “gute” Alkohol zuerst abgebaut wird, sodass inzwischen das Methanol ausgeschieden werden kann.

Bei einer reinen Aufzählung sind alle Elemente gleichwertig, die Reihenfolge sagt an sich nichts über eine zeitliche oder sonstige Hierarchie aus (“Hier sehen Sie Jkl, Iee, Urg, Osn und Nne”). Lediglich über die Kenntnis des Inhalts kann aus der Reihenfolge eine Aussage gewonnen werden (“Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann”). Wird im selben Satz eine zweite Aufzählung eingeführt (“klagen über…”), dann zählen sämtliche nachfolgenden Elemente zu dieser zweiten Aufzählung, es gibt kein Signal, das deutlich macht, dass plötzlich wieder die ursprüngliche Aufzählung “gemeint” ist. Deshalb bezieht sich “drohen zu erblinden” auf “klagen”, auch wenn man aus dem Inhalt erkennt, dass das nicht sein kann. Syntaxregeln sind aber dazu da, die Bezüge zwischen den Elementen einer Mitteilung klar zu machen, auch wenn diese noch nicht bekannt sind. Der verkehrte Weg, dass man falsche Signale von Syntax und Grammatik gerade noch durch das Wissen über den Inhalt korrigieren kann, lässt wenig Spielraum für Neues.

*Hier wurde ein Artikel aus der Pharmazeutischen Zeitung online verwendet.