Hält doppelt wirklich besser?

Der Leitfaden “Geschlechtergerechtes Formulieren” von Karin Wetschanow (Publikation des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, Wien 2010) argumentiert:

Bereits um 1840 schrieben Mathematiker die ersten ‘Computerprogramme’. Formulierungen wie diese lassen zuallererst an Männer denken. Dass Frauen einen wesentlichen Beitrag auf diesem Gebiet leisteten, wird auf Grund der männlichen Personenbezeichnung ‘Mathematiker’, die Frauen sprachlich nicht sichtbar macht, häufig vergessen. So bleibt in diesem Beispiel unerwähnt, dass um 1840 das allererste Computerprogramm von der Mathematikerin Ada Lovelace geschrieben wurde.”

Die Autorin schlägt stattdessen vor: Bereits um 1840 schrieben Mathematiker und Mathematikerinnen die ersten  ‘Computerprogramme’. Ein anderes Beispiel aus dem Leitfaden: Schüler suchten ihre Meister auf Schibrettern. Um Geschlechterneutralität herzustellen, wird die Umformulierung zu: Schülerinnen und Schüler suchten ihre Meister und Meisterinnen auf Schibrettern gefordert. Hier wird besonders deutlich, dass Sätze und Wendungen, aus denen die Genderpolitik sprachliche Ungetüme weit jenseits der Grenze zur Lächerlichkeit machen kann, schon vorher keine Glanzpunkte der Formulierungskunst waren. Mit verhältnismäßig wenig Aufwand wären sie wohl in eine schönere und zugleich “geschlechtersensible” Form zu bringen.

Von Ada Lovelace erfahren wir nämlich auch in der neuen Version des Beispielsatzes nichts. Zudem ist die Aussage Mathematiker und Mathematikerinnen schrieben bereits um 1840… offensichtlich ungenau und charakterisiert einen sprachpolitischen Weg, dem die Form(el) wichtiger ist als der Inhalt. Denn schon der Ausgangstext, der nur von “Mathematikern” spricht, ist ein direktes Ergebnis der Entscheidung, alles Konkrete und menschlich Greifbare aus einem Text auszuschließen. Dabei löst die Formulierung: 1842 schrieb die Mathematikerin Ada Lovelace das erste ‘Computerprogramm’ alle Probleme. Es ist paradox: Das sprachliche Problem der brachialen, schablonenhaften Geschlechterneutralisierung ergibt sich direkt aus den schlechten, blutleeren Formulierungen ihrer im doppelten Sinn “männlichen” Ursprungstexte mit deren Hang zur Verkürzung, Pauschalisierung, sprachlichen Neutralisierung, Verallgemeinerung und unnötigen Abstraktion. Aus einer pervertierten “Kommunikation”, deren eigentliches Ziel nicht die Verbindung, sondern die Trennung ist, nicht das Einbeziehen, sondern das Ausschließen, mittlerweile meist aus Gewohnheit, aber ursprünglich mit der Absicht, dadurch dem Text den Anstrich fachlicher Kompetenz und Unangreifbarkeit zu geben. Doch gerade diese kommunikationsfeindliche Sprachbehandlung wird von der Genderpolitik nicht abgelehnt, sondern weitergeführt. Gendergerechtes Schreiben, das sich auf sprachliche Kompetenz beruft, kann sich nicht auf die formale Adaption sonst unveränderten Textmaterials beschränken, sondern ist ein grundsätzliches Problem sprachlicher Darstellung.