Heinrich Heine: Korrespondenz, 1840

…Robespierre rief einst: »Ich bin ein Knecht der Freiheit!« — Heutzutage gibt es in der Gesindestube der Freiheit wenig treue Knechte, aber desto mehr glänzende Dienerschaft: Heiducken von ausgezeichnet körperlicher Größe, kleine naseweise Jockeien, windige Läufer, grobselige Kutscher, Leibjäger usw. Diese Leute dünken sich zu gut oder sind vielleicht zu schlecht, um einer Person dienen zu können, und sie vermieten sich bei einer Idee aus Müßiggang, für Taglohn, wo nicht gar, um bei Gelegenheit zu stehlen oder für ein gutes Trinkgeld die Hausinteressen zu verraten. Wüßte ich nicht, daß die herrschende Idee unserer Tage — und ich will sie bei ihrem Namen nennen: die Demokratie — im Boden Frankreichs tiefer wurzelt als jede andre Herrschaft, so würde ich ihre Zukunft sehr gefährdet glauben; denn ich erblicke in ihrer Nähe gar zweideutige Gesichter, ich sehe, wie eine Menge Lakaien des alten Regimes sich in ihrer Livree vermummen, und unter dem Tressenhut ihres Haushofmeisters bemerke ich die Tonsur.

Heinrich Heine: Korrespondenzartikel vom 20.11.1840 für die Augsburger “Allgemeine Zeitung”

Bemerkenswert, wie uns Heine uns hier einen notorischen Aspekt der menschlichen Natur vorführt, an dem sich bekanntlich jede idealistische Idee und Politik und jede Religion bewähren muss. Der paradoxe — deshalb sehr eingängige — Ausspruch Robespierres* wird metaphorisch weiterentwickelt für das Bild eines dubiosen Hofstaates, dessen Angehörige nicht dem Souverän dienen, sondern ihn ausplündern. Wegen dieser Zustände und — ein kausaler Kreislauf — weil er sich bereits wieder zum Teil aus Profiteuren des Ancien Régime zusammensetzt, kann Heine diesen (Hof)staat mit der Monarchie zur Deckung bringen, ohne dies explizit aussprechen zu müssen, und damit zugleich die Gefahr einer vollkommenen Rückverwandlung anschaulich machen. Metaphern finden einen direkteren Weg in unsere Vorstellung als abstrakte Gedanken, aber nur, wenn die Analogie plausibel und konsistent ist.

*Heine attestiert Robespierre in einer Notiz im Manuskript zumindest, “mit der schauerlichsten Gewissenhaftigkeit seine Arbeit” verrichtet zu haben. Sämtliche Schriften, Bd. 5, Kommentar p.897