Auf Crashkurs — Konjugation von Anglizismen

Aleksandar Milanovic hat sich auf das NFL-Radar “gecrashed”  (Unterzeile)

“Jede Aktion ist wie ein Autounfall”, beschreibt Milanovic seinen brutalen Job als Quarterback-Beschützer, ständig im Infight. Er “crashed” pro Partie rund 75 Mal.

Besser ist z.B.:

… hat mit seinen Tacklings die NFL auf sich aufmerksam gemacht

Er erlebt pro Partie rund 75 solcher “Unfälle”.

Reich an Missverständnissen sind diese drei Sätze mit ihren 31 Wörtern. Der Autor geht von einer Metapher seines Interviewpartners aus (“wie ein Autounfall”). Man kann sich durchaus vorstellen, dass Kräfte wie bei einem mittelschweren Autounfall auftreten können, wenn zwei oder mehr 120-Kilo-Männer mit voller Wucht aufeinanderprallen. Im Text wird dieser Vergleich direkt auf die Aktion auf dem Spielfeld übertragen. Diese Aktion besteht hauptsächlich im Zur-Seite-Räumen von Gegenspielern, die den Quarterback zu Fall bringen wollen, und wird als “tackling” bezeichnet (Infinitiv: “to tackle”). Auch die Spielerposition selbst heißt “tackle”. Diese Begriffe werden im ganzen Text nirgends erwähnt. Warum stattdessen “crashed”?

Milanovic’ Aussage wird auf Deutsch zitiert, und vermutlich wurde das Interview auch auf Deutsch geführt. Bei einem Wiener, der in Kalifornien schon einige Jahre aufs College geht, kann allerdings der eine oder andere englische Brocken dazwischenrutschen, also hat  er vielleicht  “car crash” gesagt — doch das wissen wir nicht. Falls es so war, ist nicht klar, wieso der Autor des Artikels zuerst übersetzt und in der Folge aber wieder die englische Originalformulierung verwendet hat. Im anderen Fall ist das Vorgehen noch weniger verständlich: wenn Milanovic nämlich “Autounfall” sagte, warum musste der Autor stattdessen mutwillig die englische Übersetzung verwenden, die

  1. denen, die nicht mit American Football vertraut sind, den Eindruck vermitteln muss, “to crash” sei der übliche Ausdruck für das Aufhalten bzw. Zu-Fall-Bringen des Gegners, obwohl dieser “to tackle” ist,
  2. die sehr anschauliche Metapher kaputtmacht und
  3. im Deutschen nicht sinnvoll konjugiert werden kann?

Man kann dem Autor zugute halten, dass “crashed” in Anführungszeichen steht, doch das kann geschehen sein, weil es im übertragenen Sinn gemeint war oder, weil die Konjugation offensichtlich ein Bastard ist. “To crash” steht hier wirklich nur metaphorisch für das subjektive Gefühl, man habe soeben einen Autounfall erlitten, nachdem man sich bewusst in das Football-Getümmel gestürzt hat. Dafür ist “crash” gar nicht die passende Bezeichnung, denn der körperliche Angriff beim American Football muss im höchsten Maß bewusst und vorbereitet geschehen, um das Risiko einer Verletzung möglichst gering zu halten. “To crash” ist hingegen das englische Wort dafür, dass etwas schief gegangen ist — bei intransitivem Gebrauch für den, der den Crash verursacht hat, bei transitivem Gebrauch für jene, die zu Opfern eines Crashs werden. Zu letzterem gibt Webster’s Dictionary zwei Beispiele für Redewendungen:

to crash a party = to gain admittance to though uninvited (ohne Einladung eine Party besuchen)

to crash the gate at a football game = to enter without ticket (sich ohne Eintrittskarte Zutritt zu einem Footballspiel verschaffen)

Wer im Internet nach “american football crash” sucht, erhält deshalb nur Berichte über Flugzeugabstürze und Autounfälle, von denen NFL-Spieler betroffen waren, über Crash-Kurse für American Football und Meldungen über Football-Spieler, die außerhalb des Spielfelds Cheerleaderinnen über den Haufen gerannt haben. So lief ein NFL-Spieler mit dem Ball über die Seitenlinie, wurde dort von einem Verfolger zu Fall gebracht und riß eine Cheerleaderin mit sich, die im Weg stand. The Telegraph übertitelt das Video mit “Nineteen-stone NFL player tackles cheerleader to the ground” — eine ironische, aber für alle verständliche Bedeutungsübertragung.

“To crash” geschieht also nicht geplant oder nicht regelkonform. Beides, geplant und regelkonform, trifft auf die von Milanovic auf dem Football-Spielfeld ausgeführten Aktionen aber zu. Die Verwendung im übertragenen Sinn beruht hier auf einer Herleitung, die der Autor nicht offenbart und die deshalb auch nicht eindeutig ist. Sie wird noch mehr verdunkelt, wenn in der Unterzeile zur Schlagzeile die eine in eine andere Metapher verschachtelt wird: Milanovic habe sich auf das NFL-Radar “gecrashed”, also mit seinen erfolgreichen Tacklings (die er mit Autounfällen, d.h. car crashes vergleicht) die Talentsucher für die National Football League auf sich aufmerksam gemacht. Warum werden wir gezwungen, über die Entschlüsselung einer so einfachen Aussage nachzudenken?

Doch nicht nur inhaltlich ist der Vergleich zwischen Tackling und einem Autounfall aus dem Ruder gelaufen. Da nun die Entscheidung gefallen ist, ein englisches Verb in einem deutschen Satz zu verwenden, muss dieses auch entsprechend konjugiert werden. Die richtige Beugung von “to crash” wäre in diesem Fall “he crashes”. “He crashes” geht aber nicht, und “er crashes” kommt uns mit Recht seltsam vor. Er crasht nach dem Vorbild von er casht ab wäre möglich, wobei der Duden für letzteres eine vollständige Flexionstabelle bereithält, für “crashen” hingegen nicht. Der Autor unseres Beispiels hielt die deutsche Endung vielleicht für unpassend, wollte aber nicht ganz auf eine “deutsche Anmutung” verzichten und entschied sich für einen merkwürdigen Kompromiss. Das englische Partizip Perfekt “crashed” schien ihm beide Sprachwelten am besten zu verbinden. Es wird hier als deutsche Gegenwartsform verwendet, während sich die deutsche Form des Perfekt-Partizips aus dem englischen Partizip und der üblichen deutschen Vorsilbe “ge-” zusammensetzt: Er hat sich “gecrashed”. Noch Fragen?

Die österreichischen Leser und Leserinnen, die gar keine Englischkenntnisse haben, dürften sich mittlerweile in der Minderheit befinden, doch eine Zeitung für deutschsprachige Leser darf Fremdsprachenkenntnisse für ihr Verständnis nicht voraussetzen. Die Zeitung, der das Beispiel entstammt, ist außerdem nicht primär für ihre internationale Ausrichtung bekannt. Wer kein Englisch kann, versteht den Inhalt von “crashed” nicht (und kann das Wort auch nicht aussprechen), wer es aber tut, wird mit der grammatischen Form nichts anfangen können.

Ähnliche Probleme gibt es z.B. mit “design”. Ein Designer designt (nicht designed), designte (nicht designede), hat designt (nicht designed). Wenn man fremdsprachige Begriffe ins Deutsche holt, muss man sie grammatisch integrieren, weil sie sonst ein Eigenleben führen, das weder mit der ursprünglichen noch mit der deutschen Grammatik etwas zu tun hat und ständig falsche Signale aussendet — zwei sprachliche Konventionen auf Crashkurs.