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WO IST DIE GRENZE ZWISCHEN LEKTORAT UND UM- BZW. BEARBEITUNG?

Sprachliche Texte existieren nicht unabhängig von Wortwahl, Satzstellung und Grammatik im Kopf ihrer Urheber. Wir denken zwar hauptsächlich in Analogien, doch irgendwann muss die Schwelle zur Sprache überschritten und der Gedanke aus Wörtern gebaut und nach sprachlichen Regeln zusammengesetzt werden. Davon spricht Friedrich Nietzsche, wenn er das Verbessern des Stils mit der Verbesserung des Gedankens gleichsetzt:

Den Gedanken verbessern. — Den Stil verbessern — das heißt den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter! — Wer dies nicht sofort zugibt, ist auch nie davon zu überzeugen.*)

Es kann daher notwendig werden, einen Text gründlicher zu verändern, als dies bei einem Lektorat geschieht, das da und dort Begriffe und Formulierungen austauscht und doch im Wesentlichen alles an seinem Platz belässt. Wenn grundlegende Denkfehler den Text belasten, muss er neu gedacht werden — was natürlich nur im engen Einvernehmen mit Autor oder Autorin geschehen kann.

Es gibt einfache Texte und es gibt komplizierte. Wenn auch deren Inhalte einfach oder kompliziert sind, und zwar nicht komplizierter oder einfacher als die Texte selbst, ist nichts gegen Art und Form dieser Texte einzuwenden.

Andererseits stellen einfache Texte manchmal komplizierte Sachverhalte dar. Dann sind sie für ein Publikum gemacht, das nicht vorhat, diese Sachverhalte in allen Details selbst weiterzudenken. In diesem Fall gibt es auch eine Grenze der Vereinfachung, unter der sich der Sachverhalt nicht mehr “wahrhaftig” darstellen lässt und die Autoren dem Publikum nicht mehr dienen, sondern es bevormunden. Die Bearbeitung eines solchen Textes kann helfen, einseitige Tendenzen zu erkennen und richtigzustellen, die Sachlage zu ordnen und möglicherweise mit prägnanteren Beispielen und Vergleichen das Verständnis zu erhöhen.

Es gibt auch komplizierte Texte, vor allem unter Sach-, Fach- und wissenschaftlichen Texten, die viel komplizierter sind, als sie es sein müssten. Das kann mehrere Gründe haben. Darunter ist der trivialste, dass die Autoren ihre Gedanken nicht entwirren und nicht zu Ende denken konnten. Gründe gibt es dafür genug, etwa Zeitmangel, um den harmlosesten zu nennen. Schlimm wird es, wenn die Autoren nun versuchen, den halbfertigen Gedankenwirrwarr für etwas auszugeben, hinter dem eine unendlich komplizierte Sache steckt, die sie selbst kaum gebändigt haben und die wirklich zu verstehen die Leser gar nicht erst versuchen sollten. Hier ist ein Bearbeiten des Textes zwingend notwendig, und die unvoreingenommenen Augen des Lektors und der Lektorin können Wunder wirken. Wer rechtzeitig erkennt, dass ein Problem vorhanden ist, und den Text in kompetente Hände legt, bevor der höllische Rachen der Deadline die Fersen der Verzweifelten zu grillen beginnt, ist natürlich im Vorteil.

Daneben gibt es das grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken, wie Karl Popper es nannte**). Dieses Spiel wird gespielt, wenn Autoren ihren eigenen Gedanken oder ihrem Fach nicht trauen, weil sie sie für zu wenig überzeugend und wichtig halten. Also werden schwere Fachtermini aufgefahren, die vielleicht gerade für diesen Zweck erfunden wurden, und absolut lichtundurchlässige Formulierungen sorgen dafür, dass sich niemand zum Turmzimmer Dornröschens durchschlagen kann, weil sonst offenbar würde, dass dieses Zimmer leer oder ein Schweinestall ist. Entschuldigung, ihr Schweine… Absichtlich so gestalteten Texten ist auch durch eine Umarbeitung schwer beizukommen. Oft liegt  die Ursache jedoch nur in einer gewissen fachlichen Betriebsblindheit, und die Beseitigung des Jargons ändert überhaupt nichts an der Substanz des Textes, sondern macht sie bestenfalls deutlicher sichtbar. In diesem Fall kann der Text durch ein gründliches Lektorat bzw. eine Umarbeitung nur gewinnen, weil die Zielgruppe dadurch größer wird.

 

*) Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. 2. Band, 1879. Der Wanderer / Den Gedanken verbessern (131.)
online: http://www.textlog.de/nietzsche-menschlich.html

**) Karl Popper: Gegen die großen Worte. S.112, in: Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren. München: Piper 1995, S. 99 – 113.