Send in the clones – Wurzeln falscher Freundschaft

Gehirn, Augen und Ohren und der eine oder andere Finger, sonst muss an uns heute nichts Funktionstüchtiges mehr sein, damit wir einen beliebigen Gedanken mit Fakten und Fantasien aller Art füttern können. Früher mussten wir aufstehen und ein Buch aus dem Regal ziehen, um eine Information oder um einen Hinweis auf ihren Verbleib zu finden, und schlimmstenfalls mussten wir hinaus in die Kälte den Weg zu einer Bibliothek antreten. Heute versuchen wir, was wir brauchen, zuerst aus dem Datenozean des Internets zu schöpfen. Dieser wächst exponentiell, weil neue Daten jederzeit vervielfältigt und an andere Orte vertragen werden, von wo aus es sie in alle Richtungen weitertreibt. Wenn sie dann von der Suchmaschine sauber in die berühmte, “Ranking” genannte Reihenfolge gebracht werden, die nicht unbedingt ihrer Genealogie entspricht, sehen wir, wie viel Mühe sich auch jene gemacht haben, die solche Daten nur von fremden ins eigene Schaufenster kippen: Viele haben den Ehrgeiz, die Information dann auch noch zurechtzustutzen oder auszuschmücken, sie mit bunten Accessoires zu veredeln, ihre Verwendung zu erleichtern, weil das offenbar nicht nur anderen, sondern auch den Datenanbietern selber nützt.

Beliebte Zutaten sind Übersetzungen. Unverzichtbar bei weniger geläufigen Sprachen, werden sie auch häufig aus dem Englischen ins Deutsche angeboten. Es gibt zwar in den Suchmaschinen mittlerweile eine automatische Übersetzungsfunktion, diese kann aber noch nicht ernsthaft einem Menschen Konkurrenz machen, der einen Text in einer anderen Sprache herstellt, welcher getreues Abbild des Originals ist und trotzdem auf eigenen Füßen steht. Automatische Übersetzungen können heute, was ihnen vor 10 Jahren noch nicht annähernd möglich war, eine relativ genaue Ahnung vermitteln, wovon der Ausgangstext spricht, wenn dieser einigermaßen geradlinig und schmucklos ist. Automatische Lyrikübersetzungen sind nach wie vor lächerlich, sofern einem gerade zum Lachen ist1).

Neben Applikationen wie Google Translate gibt es im Netz den Übersetzer Moritz N. – er ist frei erfunden, doch dass es ihn geben muss, zeigen die gleichbleibend charakteristischen Spuren seiner Aktivität im Internet und die Dankbarkeit, mit der seine Arbeit kopiert und verbreitet wird. Auf den Sites und in den Netzwerken, in denen er postet, möchte Moritz der Leserschaft, die nicht so gut Englisch kann wie er, einen Dienst erweisen, und gleichzeitig möchte er damit seine Begeisterung über die Texte ausdrücken, die er übersetzt ins Netz stellt. Es sind meist Liedtexte und Gedichte. Ich traf mit Moritz N. unbekannterweise im Internet zusammen, als ich nach dem Text des Musicalsongs “Send In The Clowns” von Stephen Sondheim suchte. Ich wollte die englische Originalversion aus dem Musical A Little Night Music – von großen Stimmen wie Frank Sinatra und Barbra Streisand sind etwas abgewandelte Texte im Umlauf –, um schwarz auf weiß besser begreifen zu können, was Clowns mit den Problemen einer Liebesbeziehung zu tun haben und ob sich mir vielleicht die Bedeutung der Anfangszeilen erschließen würde, die zwar gesungen gut, aber nicht besonders logisch klingen:

Isn’t it rich? Are we a pair?

Moritz bietet auf der Website www.songtexte.com eine deutsche Übersetzung an2) und schlägt als erste Zeile vor: “Ist es nicht reich?” This seems me logic to be, because it all words translates and also still in the right order. Die Zahl der Buchstaben muss im Deutschen zwar um 50% erhöht werden, doch gleichzeitig bleiben 100% der im Englischen verwendeten Buchstaben erhalten – und zwar meist in der ursprünglichen Reihenfolge! So nahe am Original zu bleiben kann man doch nur als gelungene Übersetzung bezeichnen. Noch näher am Original wäre “Ist nicht es reich?”, doch damit bliebe der Abstand zur Zielsprache doch noch zu groß. Ein kleines Problem entsteht dabei, und zwar: Kein Mensch versteht es, kein Schwein sowieso. Ich weiß andererseits auch nicht, ob die native speakers aus ihrem englischen Satz klug werden, wo rich doch ohne Zweifel reich entspricht und auch optisch fast dasselbe Wort ist. Moritz hat anscheinend eine fast vollständige quantitative Äquivalenz von Original und Übertragung erreicht. Wie das zu bewerten ist, lasse ich vorläufig offen und gehe zur zweiten Zeile.

“Sind wir ein Paar?” steht hier. Diese Frage, “Are we a pair?”, richtet eine Frau an einen Mann, mit dem sie schon lange ein problematisches Verhältnis verbindet, folglich auch an sich selbst: Desiree, die Begehrte, hat Angst vor ihrer Liebe zu Fredrik und ließ bisher nur zeitweise Begegnungen mit ihm zu, die immerhin ihre Tochter Fredrika zum Ergebnis hatten, welcher sie nach demselben Prinzip aus dem Weg zu gehen versucht. Das Prinzip ist, ungebunden zu genießen, was ihr das Leben als erfolgreicher Schauspielerin bieten kann. Dieses Prinzip hat wie alles Verderbliche einen Preis und ein Ablaufdatum. Wenn es einmal zu verderben beginnt, ist es, das muss Desiree hier gerade erkennen, möglicherweise zu spät, es gegen etwas Haltbares einzutauschen, zum Beispiel ein Leben mit Fredrik und ihren inneren Frieden. Denn Fredrik, der früher so viel Frieden zu geben hatte, hat geheiratet: eine Frau, die seine Tochter sein könnte und mit der er auch nicht viel anders umgehen kann, die ihm aber die Illusion zurückgewonnener Jugend schenkt, während Desiree sich als alternde Geliebte an einem verheirateten Mann verbraucht. Und doch, Desiree und Fredrik gehören zusammen, wie man am Ende sehen wird. Sie sind also ein Paar, das aber, wie zwei Himmelskörper auf divergenten Bahnen, einander selten trifft und zuletzt fast verfehlt. Ein eher aus der Art geschlagenes Paar, aus der Entfernung komisch anzusehen mit dem Missmanagement ihrer Ängste und Sehnsüchte, was bieten sie nur für ein Bild – den anderen, sich selber. Es empfiehlt sich, den wehmütig-ironischen Unterton aus dem Original in die Übersetzung von “Are we a pair?” mitzunehmen.

Man erfährt auch gleich die aktuellen Positionen der beiden Himmelskörper. Die letzte Zeile dieser Strophe vorwegnehmend, “Send in the clowns”, die dem Lied seinen Titel gibt, treten wir jetzt in eine andere Metapher ein, die einer Zirkusmanege. Sie auf dem Boden, er in der Luft, oder sie wild hin- und herspringend, er bewegungsunfähig, träumend: Ein Akrobatenpaar, das so gefährlich asynchron agiert, sollte die gemeinsame Nummer besser aufgeben und die Manege räumen. Ist eine Zirkusnummer zu Ende, kommen die Clowns, die tollpatschig die Kunststücke der Artisten und Dompteusen nachzumachen versuchen und dabei über die eigenen Füße stolpern – damit überbrücken sie für das Publikum die Zeit, um die nächste Nummer vorzubereiten, damit es verzaubert bleibt und nicht an die Steuernachzahlung denkt. Oder die Künstler stoßen unerwartet an ihre Grenzen, sei es beim Publikum, sei es bei der Physik, dann sind die Rotnasen die Richtigen, um die Anstößigkeit aus der Arena hinauszufegen. Schickt die Clowns herein! Unsere Nummer ist aus, so schlecht, wie wir waren, brauchen wir sie genau genommen gar nicht, weil wir unsere eigenen Parodien und selber die Clowns sind (“Don’t bother, they’re here”).

Die mittlere der fünf Strophen beschreibt die Täuschung, der Desiree erlegen ist im Glauben, dass Fredrik immer zur Verfügung stünde, wenn sie mit ihrem Gespür für große Auftritte hereinrauscht – “with my usual flair” –, um den Beziehungsfaden wieder dort aufzunehmen, wo Desiree Fredrik zuletzt stehen ließ. Diesmal ist das Zusammentreffen für sie entscheidend, denn sie hat beschlossen, ihre Bahn zu ändern, sie mit der seinen zu verbinden, endgültig seine Tür anderen Türen vorzuziehen. Doch ausgerechnet dieses letzte Mal ist die Bühne leer. Desiree muss warten, die bisher noch nie auf etwas gewartet hat, ob Fredrik zu ihr zurückkommt, mit einer kleinen Hoffnung – “well, maybe next year”.

Ich kehre zu Moritz N. und zur ersten Zeile zurück – dass Moritz’ Übersetzung unverständlich ist, lässt mir keine Ruhe. Ich beginne widerwillig mit dem dicken, schweren Webster zu hantieren und kämpfe mich durch die Aufzählung aller Bedeutungen des Wortes rich von oben nach unten. Die gesamte Semantik von rich hat mit Überfluss und Üppigkeit zu tun, doch es gibt eine Ausnahme unter Punkt 17: “amusing, ridiculous, absurd”. Somit hieße der Satz auf Deutsch: “Ist es nicht lächerlich, ist es nicht absurd?”, und plötzlich ist der Sinn des Satzes klar. Um diese einzige einleuchtende und passende Lösung zu finden, muss man nach ihr, wenn man sie nicht auf Anhieb kennt, hartnäckig suchen. Moritz hat sich diese Arbeit glatt erspart. Darf man ihn dafür kritisieren, wo er doch alles gratis für uns macht? Man darf, denn er hat uns eine “Übersetzung” versprochen und nicht nur keine brauchbare geliefert, sondern diejenigen, die ihm mangels besserer Kenntnis vertrauen, mit offensichtlichem Unsinn lächerlich gemacht oder ihnen zumindest ihre Zeit gestohlen. Isn’t it rich, wie Moritz das sinnlose “Ist es nicht reich” einfach stehen lassen kann, ohne stutzig zu werden? Welche Rechtfertigung hätte er dafür?

Vielleicht liegt die Erklärung in einem vollkommenen Paradigmenwechsel, den die weitgehend voraussetzungslose Kollaborationsmöglichkeit im Netz eingeleitet hat. Der vom amerikanischen Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn geprägte Begriff “Paradigma” bezeichnet, was man als vorbildhafte Best Practice in einer bestimmten Wissenschaftsdisziplin veranschaulichen könnte, die den Forschungsbetrieb methodisch und inhaltlich bestimmt. Allerdings liegt die neue Konkurrenzsituation zwischen zwei Paradigmen in diesem Fall nicht an einem Scheitern des bisherigen Modells, sondern an der Entstehung einer parallelen, informellen Wissensgesellschaft im Internet, die sich nach den Regeln der jeweils benutzten Netzwerk-Software organisiert. In der Wissenschaft und bei angewandten, fachlich fundierten Tätigkeiten war und ist es so, dass jede Arbeit einen Anfang und ein Ende haben muss und alle offenen Enden klar dokumentiert werden. Bei einer redaktionellen Übersetzung beispielsweise ist es undenkbar, dass der eine oder andere Teil des Textes unkommentiert nur als eine Art Provisorium stehen bleibt, das spätere Bearbeiter mit eigenen Lösungen ersetzen sollen.  Bei den kollaborativen Modellen im Internet hingegen ist es üblich geworden, dass man Halbfertiges einstellt in der Erwartung, dass es ohnehin ein nachfolgender User bewertet, kommentiert, kritisiert und korrigiert, wobei die Stichhaltigkeit dieser Korrektur ebensowenig garantiert wird. Oder man stellt Halbfertiges, manchmal mäßig Brauchbares ein mit der Überzeugung, die ultimative Lösung geliefert zu haben. Es ist eine Form des Diskurses, doch die Verantwortung dafür liegt beim Kollektiv, nicht mehr beim Einzelnen, nur hat dieses Kollektiv naturgemäß keine klaren, vor allem keine konstanten Konturen. Die Akzeptanz der Teilnehmenden beruht nicht auf einem elitären Prinzip der Akkumulation von Qualifikationen und Kompetenzen nach bestimmten Regeln, sondern auf basisdemokratischer Zustimmung. Wenn sich genug Beitragende finden, die “Ist es nicht reich” für die beste denkbare Übersetzung halten, dann wird ihr der Vorzug gegeben, und der Urheber bzw. die Urheberin bekommt Vertrauenspunkte. Basisdemokratie als Entscheidungsstruktur in Fragen, die maximale Expertise verlangen, führt jedoch nur dann zum bestmöglichen Ergebnis, wenn möglichst viele Teilnehmende ausreichend qualifiziert sind und sich aktiv um Qualifikation bemühen. Damit beißt sich die Katze in den Schwanz, was aber nicht ihr, sondern uns weh tut. Es beginnt etwa schon damit, dass Moritz seinen Ausgangstext nicht genau überprüft hat. Es empfiehlt sich, dafür eine gute, altmodische gedruckte Papierversion zu verwenden, die es im Internet – dank Scanner – auch gibt3). Der in Bits und Bites frei übertragene Text erweist sich, wie leider oft, als Text aus bits und pieces, und die Übersetzung von Moritz N. als eine Kombination aus zu wenig Erfahrung und zu viel Ungenauigkeit.

Eine ideale Übersetzung erfüllt alle Aspekte des Ausgangstextes auch in der Zielsprache. Es ist klar, dass es das bestenfalls annäherungsweise geben kann. Die Akzeptanz einer Übersetzung hängt davon ab, ob die richtigen Kompromisse eingegangen worden sind, also von der richtigen Reihung der Prioritäten: Wann kann ich vom einen zugunsten eines anderen abweichen, um möglichst viel von der Gesamtinformation und der Funktion des Textes zu bewahren? So ein Kompromiss könnte zum Beispiel so aussehen:

(1) Ist’s nicht verrückt?
Schau uns doch an?
Ich auf dem Boden zuletzt,
Du schwebst davon.
Herein mit den Clowns.
(2) Ist das nicht schön?
Meinst du nicht auch?
Ich eine, die ständig herumtollt,
du wie im Traum…
Wo bleiben die Clowns?
Herein mit den Clowns.
(3) Grad als ich’s leid
Das Türenspiel
Gewiss, dass ich wollte
Jetzt nur noch die Türe zu dir,
Rauschend hinein noch einmal
Mit gewohntem Trara,
Sicher im Text,
Ist niemand da.
(4) Verstehst du nicht Spaß?
Da hab ich wohl gepatzt.
Ich dachte, du willst das, was ich will,
Verzeih mir, mein Schatz.
Doch wo sind die Clowns?
Schnell herein mit den Clowns.
Müht euch nicht, sie sind hier.
(5) Ist’s nicht verrückt?
Das ist doch nicht wahr?
Dass grade mir das passiert,
So spät noch sogar.
Und wo sind die Clowns?
Clowns müssen sein.
Dann vielleicht nächstes Jahr…
Da es sich bei Send In The Clowns um ein Lied handelt, sollte eine funktionelle Übersetzung nach der Melodie singbar sein und dem Rhythmus und Versmaß, den Alliterationen, idealerweise dem Reimschema des Originals und der Positionierung der musikalisch wichtigen Vokale folgen und dabei die Aussage und den Ton des Textes möglichst genau treffen, ohne dass es gekünstelt und gequetscht wirkt. Eine Übersetzung, die die Singbarkeit vernachlässigt, sollte zumindest über den Inhalt und die Emotion des Textes genau Auskunft geben – soweit das möglich ist, da ein wesentlicher Aspekt der Emotion in der lyrischen Form liegt. Was Moritz N. stattdessen anbietet, begnügt sich mit dem einfachsten Kriterium, der Wortbedeutung, doch an der Art, wie diesem Kriterium (nicht) entsprochen wird, zeigt sich eine charakteristische Tendenz, die Kongruenz von Zeichen mit der Kongruenz von Bedeutungen zu verwechseln. Verwandte Sprachen oder Sprachen, die aus denselben Quellen schöpfen (z.B. aus dem Altgriechischen und Lateinischen), haben zwangsläufig einen gewissen gemeinsamen Zeichenvorrat. Da Sprachen jedoch auf Konventionen beruhen und die Zuordnung sprachlicher Zeichen (also der Vokabel) und ihrer Bedeutungen arbiträr, d.h. willkürlich ist, kann aus gleich lautenden oder gleich aussehenden Wörtern in zwei Sprachen auf keinen Fall geschlossen werden, dass sie dasselbe bedeuten. Der Trugschluss, Kongruenz wäre dasselbe wie Äquivalenz, der massenweise zu sogenannten “falschen Freunden” führt, ist nicht nur bei geschlosssenen Textübersetzungen eine Gefahr, sondern bei jeder Art der Berührung mit einer anderen Sprache. Die Versuchung, auf diese Art etwa deutsche Begriffe aus englischen zu klonen, um sich Zeit und Nachdenken zu ersparen, erzeugt seltsame Fremdkörper aus verpassten Begegnungen der unterschiedlichen sprachlichen Konventionen. Fast wie bei Desiree und Fredrik, nur ohne Happy End. Send in the clowns.

ANMERKUNGEN

  1. Ein Beispiel dafür findet sich unter http://de.lyricsfeast.com/uebersetzung-send-in-the-clowns-von-shirley-bassey-songtext-deutsch.html. [29.12.2016] [->zurück]
  2. http://www.songtexte.com/uebersetzung/judy-collins/send-in-the-clowns-deutsch-6bd6d6ca.html [03.12.2016] [->zurück]
  3. A Little Night Music. Music and Lyrics by Steven Sondheim, Book by Hugh Wheeler. Libretto Vocal Book, New York: Music Theatre International o.J., Seite 2-6-35. http://docslide.us/download/link/a-little-night-music-libretto [03.12.2016] [->zurück]

Übersetzung © 2016 Lektorat online