Gut, dass Investoren…

Solange der Zugang nicht beschränkt ist oder Investoren nicht wissen, wohin sie sich wenden müssen, um die jüngsten Nachrichten zu erhalten, sind die meisten Sozialen Medien gut geeignet, um mit Investoren zu kommunizieren.

richtig z.B.:

Die meisten Social Media sind gut dazu geeignet, mit Investoren zu kommunizieren, wenn der Zugang immer offen ist und die Investoren wissen, wo sie die neuesten Nachrichten finden können.

Solange Investoren also nicht wissen, wo sie ihre Nachrichten abholen können, sind die meisten “Sozialen Medien” gut dazu geeignet, ihnen welche zu schicken? Da hat sich wohl jemand in eine Verneinung verstrickt. Diese Meldung hat übrigens den 1. April knapp verpasst.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC (U.S. Securities and Exchange Commission) hat am 2. April 2013 die Ergebnisse einer Untersuchung veröffentlicht, in der es darum ging, ob die Firma Netflix, Inc. dafür belangt werden sollte, dass ihr Chef eine Erfolgsmeldung, die für die Investoren von Bedeutung war, nur auf seiner Facebook-Seite bekanntgab. Es handelt sich dabei um einen Präzedenzfall für die Frage, ob die Verwendung neuer, “formloser” Nachrichtenkanäle wie Facebook oder Twitter zur Kommunikation mit Investoren die SEC-Richtlinien der “Regulation Fair Disclosure” verletzt. Diese Richtlinien sollen sicherstellen, dass kein Anteilseigner gegenüber anderen durch mangelhaften Zugang zu Unternehmensnachrichten benachteiligt wird.

Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass keine Verletzung dieser Regeln vorlag, und die SEC-Homepage (Stand 03.04.2013) fasst ihre Erkenntnisse folgendermaßen zusammen: “Most social media are perfectly suitable methods for communicating with investors, but not if the access is restricted or if investors don’t know that’s where they need to turn to get the latest news.” (Kursive Hervorhebungen von mir.) Dieser Wortlaut aus dem Untersuchungsbericht begegnet uns in unserem Zitat, Bestandteil einer Meldung über diesen Bericht, wieder, teilweise. Das ist offenbar auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen — teilweise.

Denn Wort für Wort stimmt die Übersetzung des zweiten Halbsatzes: “…nicht, wenn der Zugang beschränkt ist oder wenn Investoren nicht wissen, dass sie sich genau dorthin wenden müssen, um die neuesten Nachrichten zu erhalten”. Wort für Wort, aber nicht Satzzeichen für Satzzeichen, und letztere werden im Englischen bekanntlich anders eingesetzt als im Deutschen. Auch wenn Sprache und Mathematik oft, besonders wenn es um das Talent für die eine oder andere geht, als Gegensätze dargestellt werden, sind die logischen Funktionen der Syntax bei beiden vergleichbar. Auch in der deutschen Sprache gibt es ein Distributivgesetz:

nicht (a und b) = nicht a und nicht b
wobei der Beistrich die Klammern ersetzt:
nicht, a und b = nicht a und nicht b

ohne Beistrich hingegen gilt das Kommutativgesetz:
nicht a und b = b und nicht a

Nun ist aber doch in unserem Beispiel vor die beiden Konditionen gar kein Komma gesetzt worden? Eben. Kein Komma, aber auch nicht die Verneinung, die der englischen Aussage ihren Sinn gibt: Die Verwendung ist in Ordnung,aber nicht, wenn… Die Satzstellung des Originals wurde umgedreht, die Bedingung positiv statt negativ formuliert, aber leider nicht komplett angepasst:

Solange der Zugang nicht beschränkt ist und die Investoren wissen, wohin sie sich wenden müssen, um die jüngsten Nachrichten zu erhalten, sind die meisten Social Media-Plattformen gut geeignet, um mit Investoren zu kommunizieren.

Wenn Ihnen diese Ausführungen bisher spanisch vorgekommen sind, liegt dies daran, dass wir überhaupt Schwierigkeiten haben, negativ ausgedrückte Aussagen kompakt zu erfassen. Es ist, als legte man während der Fahrt plötzlich den Rückwärtsgang ein:

Nicht nur, dass der Polizist den Autofahrer nicht darüber belehrte, dass die Strafe nicht obligatorisch bar zu zahlen gewesen wäre, sondern wahlweise auch per Erlagschein. Er verweigerte ihm auch das Recht, nicht in den Alkomaten zu blasen, was sich allerdings nicht als Nachteil für den Fahrer herausstellte.

Wie hat der Autofahrer seine Strafe bezahlt, und hat er ins Röhrchen geblasen oder nicht?